Umfriedete Pfarrbezirke
Kleinodien der Bretagne

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Neben den Megalithen-Denkmälern sind die umfriedeten Pfarrbezirke (Enclos paroissiaux) bedeutende Wahrzeichen der Bretagne. Nirgendwo sonst in Europa findet man diese einzigartigen steinernen Zeugnisse einer tiefen Religiosität. Die Bretagne war immer ein frommes Land. Im 15. bis 17. Jahrhundert, als Flachs- und Hanf-Anbau und -Handel zahlreichen Dörfern einen relativen Reichtum bescherte, entstanden im Finistère und nur dort die umfriedeten Pfarrbezirke. Idealtypisch bestehen sie aus Kirche, Beinhaus, Kalvarienberg und Umfassungsmauer, die nur an einer Stelle geöffnet war, an der man durch ein häufig recht prächtiges Triumphtor den die Kirche umgebenden Friedhof betrat.
Das Beinhaus diente dazu, die ausgegrabenen und sorgsam beschrifteten Knochen der schon länger Verstorbenen aufzunehmen, um so erneut Platz auf dem Friedhof zu schaffen. Aus bescheidenen Anlehngebäuden an Kirche oder Friedhofsmauer – immer mit Lüftungsfensterchen – entwickelten sich im Laufe der Zeit freistehende reichverzierte Gebäude, die manchmal die Form eines Reliquienschreins haben. Sie sind mit Figuren geschmückt, in deren Mitte Ankou (bretonisch: Tod) als Sensenmann einen prominenten Platz einnimmt. Er begegnet dem Besucher noch einmal, wenn dieser die mit Apostelfiguren geschmückte
Georges Poilleux-Saint-Ange: Überführung der Gebeine in Trégastel, 1896
Kirchenvorhalle durchquert hat, auf deren steinernen Bänken sich die wohlhabenden Gemeindemitglieder versammelten. Ankou lauert nämlich im Miniaturformat über dem Weihwasserbecken und verkündet grinsend „Ich hole Euch alle“
Das Kircheninnere dagegen wirkt wohltuend heiter mit hellen Farben und oft einem ungewöhnlich reichen Schnitzwerk an den Altären mit Figuren, Blüten, Fruchtgirlanden und Medaillons.
Mittelpunkt eines jeden Enclos paroissiaux aber ist der Calvaire, nur unzulänglich mit Kalvarienberg übersetzt, da er nicht nur die Passion Christi am Kreuz darstellt, sondern auch zahlreiche Abschnitte der Heilsgeschichte, unchronologisch und scheinbar wahllos mit Szenen aus dem bäuerlichen Alltag vermischt. Natürlich dürfen auch die Episoden aus dem Leben des oder der Ortsheiligen nicht fehlen. Bei den großen Calvaires versammeln sich auf einem mehrere Etagen umfassenden Sockel bis zu 200 plastische Figuren, gruppiert zu Szenen, die der Priester bei der Predigt nutzte, um seine Worte eindrucksvoll zu unterstreichen. Material für die Calvaires wie für die anderen Elemente der umfriedeten Pfarrbezirke ist bretonischer Granit; ein Material, dass kaum Feinheiten erlaubt, die nur in einer mittlerweile völlig verschwundenen Bemalung darzustellen waren. Für die christliche Glaubenslehre im Bild mussten sie dem Granit abgerungen werden: Steinskulpturen von naiver Kraft, derb und manchmal grotesk.
Bretonische Renaissance nennt man - völlig irreführend - diesen Stil; ihm fehlt die Leichtigkeit und Heiterkeit dieser Epoche, wie man sie aus Italien und dem übrigen Frankreich kennt. Und dennoch - die Ausdrucksstärke und Schönheit der mittlerweile von Wind und Wetter gegerbten und von Moos und Flechten überzogenen Figuren sind so groß, dass sich auch ein heutiger Besucher ihrer Faszination nicht entziehen kann.

Der Besuch der berühmten Pfarrbezirke von St. Thégonnec, Guimiliau oder Pleyben ist sicher ein kunsthistorisches Highlight. Aber wenn Sie über Land fahren und einen der kleinen unbekannten Bezirke entdecken, steigen Sie aus, spazieren Sie über den Kirchhof und lassen Sie sich von der naiven volkstümlichen Kunst und der besonderen Atmosphäre eines solchen Ortes bezaubern.

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