Mythen und Legenden
Liegt es am ständig wechselnden Licht, an den endlos heulenden Stürmen, die im Winter über die Küsten toben, oder an den wilden karge Heidelandschaften und den ehemals dunklen, tiefen Eichen- und Buchenwäldern, sicher ist, Bretonen sind Erfinder und Erzähler phantastischer Geschichten. Sie bedienen sich einer reichen mythischen Vergangenheit, in der Druiden und Feen, Helden und Heilige, Nixen, Erdgeister, Engel und Teufel mit und gegeneinander agieren. Und lassen so heidnische und christliche Elemente eine geradezu selbstverständliche Symbiose eingehen.
Wundern Sie sich nicht, wenn man Ihnen versichert, dass König Artus seine Tafelrunde nicht in Cornwall, sondern in der Bretagne versammelte. Auch der Ort wird ganz konkret genannt, der verwunschene Wand von Paimpont (westlich von Rennes) der Zauberwald Broceliande der Sage. Hier haben Lancelot und Parzifal ihre Heldentaten vollbracht und hier hält die Fee Viviane noch immer ihren Geliebten, den Druiden Merlin in einem Weißdornbusch gefangen.
In der Bucht von Douarnenez liegt die sagenhafte
versunkene Stadt Is ein bretonisches Atlantis: die
liebestolle Dahut, Tochter des weisen heiligen Königs Gradlon
von Quimper, stürzte die Stadt aufgrund ihres liederlichen
Lebenswandels ins Verderben: ein Fest jagte das andere und die
schöne Dahut nahm sich jeden Abend einen anderen Geliebten,
dessen Leiche sie am nächsten Morgen regelmäßig in die Hölle
von Plogoff stieß. Nur ein aus dem Nichts aufgetauchter
scharlachrot gekleideter Prinz von betörender Schönheit entkam
diesem Schicksal. In der Stadt munkelte man, dass er sich die
Prinzessin mit unbekannten Liebespraktiken hörig machte. Er
brachte Dahut dazu, als Beweis ihrer Liebe zu ihm, ihrem
schlafenden Vater den Schlüssel zur großen Schleuse der Stadt
zu stehlen. Der scharlachrote Prinz, kein geringerer als der
Teufel selbst, öffnet die Schleusentore und lässt die Stadt Is
mitsamt ihren sündigen Bewohnern in den Sturzfluten des
eiskalten Meeres versinken. Nur König Gradlon wird vom heiligen
Correntin, dem Bischof von Quimper, gerettet. Seine Tochter Dahut
aber ist verdammt und wird zur Strafe in die Nixe Marie-Morgane
verwandelt. Sie kann keine Ruhe finden und treibt auf dem Meer
ihr Unwesen. In mondhellen Nächten lässt sie ihr kupferrotes
Haar im Wasser glänzen und versucht mit herzzerreißenden
Klageliedern die heimkommenden Fischer in den Abgrund zu ziehen.
Eine jugendfreiere Variante schuf die deutsche Lyrikerin Agnes Miegel 1901:
| Ys | |
| Also spricht der Mund der grauen Sage,
Die im Nebel die Bretagne durchwandert Und am Herd der Fischerhütten rastet: Herrlich stand dereinst am Meeresstrande, Prangend in der Pracht der Silbertore, Ys, die stolze Herrin der Bretagne Ys, die üppige und wunderschöne. Über Ys, auf einem steilen Felsen, Hob sich stolz wie eine Götterfeste Zinnenreich und streng die Königsburg. Sieben Töchterlein besaß der König, Sieben schöne Edelsteine trug er In der Krone auf dem weißen Scheitel. Sechs der Steine helle Goldtopasen, Doch der siebente, der allerschönste, War ein blutrot funkelnder Rubin. Sprach der greise König zu den Kindern: "Überall im Schlosse dürft ihr spielen, Nimmer aber öffnet jene Pforte Weinbewachsen in der Gartenwand!" Und sie tanzten in den kühlen Sälen, Auf dem Hofe flogen ihre Bälle, Blumenkränze flochten sie im Garten, Jene Pforte hatten sie vergessen. Manchmal hielten inne sie im Spielen, Wenn des Lebens volle Chorgesänge Lauter schollen aus der Stadt von Ys. In dem Schatten der Kastanienbäume Sahn sie nieder in der Mittagsschwüle, immer schwerer wurden ihre Lider, Und sie sanken hin in tiefem Schlaf. Nur die jüngste war noch wach geblieben, Mit dem Fuße durch den hohen Rasen Trieb sie leise singend ihren Ball. Sieh, da sah sie in der Gartenmauer Halb geöffnet jene alte Pforte, Und ihr Ball glitt rollend durch den Spalt. Ihre schweren Samtgewande raffend Schritt ihm nach die junge Königstochter, Und sie kam in einen stillen Hof. |
Große blühende
Holunderbüsche Neigten ihre weißen Blütendolden Tief auf einen alten Sandsteinbrunnen, Den ein runder Marmelstein verschloß. Und die Königstochter suchte lange In dem Grase, drin die Grillen sangen, Nach dem goldnen Ball und fand ihn nimmer. Da auf einmal sprach es in dem Brunnen Mit der Stimme eines blonden Knaben: "Königstochter jüngste, mach mir auf!" Wie gelähmt von süßem Grausen stand sie. Und die Stimme sprach zum andern Male, Lauter flehend, daß ihr Herz erbebte. Und zum dritten Male sprach's im Brunnen, Herrisch und befehlend: "Mach mir auf!" Von dem Blut der weißen Mädchenhände Hellgerötet war die Marmorplatte, Die sie seufzend von dem Brunnen wälzte. Sieh, da stieg es aus der dunklen Tiefe Hell und kühl wie eine weiße Garbe Wie zwei Arme griff es nach der Zarten, Die in Todesangst und Wollust bebte Und die Augen schloß bei seinem Nahn. Auf vom Schlafe schraken die Geschwister, Denn ein Brausen klang wie Adlerschwingen. Aus der Pforte in der Gartenmauer Kam ein Wildbach rauschend hergeschossen, Ihren Todesschrei begrub sein Nahn. Hoch sich wölbend stürzte er vom Felsen Wie ein Meer, das nach dem Meer verlangte, Und am Strande schwellend stieg die Flut. Und die beiden Riesenwellen rasten Ungestüm und brausend sich entgegen, Sprühend, donnernd schlugen sie zusammen. Unter ihrem weißen Schaum begruben Sie die stolze Herrin der Bretagne, Ys, die üppige und wunderschöne. |
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