Schriftsteller über die Bretagne
Dieser Stamm
genoss an der ganzen Küste dieses Landstrichs das bei weitem
größte Ansehen. Denn die Veneter besaßen die meisten Schiffe,
mit denen sie regelmäßig nach Britannien fuhren, übertrafen an
Seetüchtigkeit alle übrigen und hatten, da in dem stürmischen,
weiten und offenen Meer nur wenige Häfen zur Verfügung standen,
die sie selbst in der Hand hielten, fast alle dortigen Seefahrer
abgabepflichtig gemacht. Ihre Städte waren in der Regel so
angelegt, dass sie, auf die Spitzen von Landzungen und auf Kaps
gebaut, zu Lande keinen Zugang hatten, wenn vom hohen Meer die
Flut kam, was zweimal am Tag in einem Zeitraum von zwölf Stunden
der Fall ist, noch zu Wasser, weil bei Ebbe die Schiffe in den
Untiefen in Not geraten. So wurde aus zwei Gründen eine
Bestürmung der Städte unmöglich. Und wenn sie einmal, durch
die Größe des Belagerungswerkes zufällig überwunden, an ihrer
Rettung zu verzweifeln begannen, dann kam eine große Anzahl von
Schiffen heran, deren sie eine riesige Menge besaßen, und sie
brachten auf ihnen alle ihre Habe in die nächsten Städte und
zogen sich dorthin zurück.
JULIUS CAESAR (100 44 v. Chr.)
In der Bretagne,
im Bistum Vannes, war ein Kloster des heiligen Gildas von Rhuys;
sein Abt war gestorben, die Mönche beriefen mich einstimmig mit
Genehmigung des Landesfürsten auf den erledigten Abtstuhl ...
Die Gegend war mir fremd, die Mundart unbekannt, und die Mönche
dort waren für ihre Schändlichkeit und Unbelehrbarkeit überall
verrufen, die Bevölkerung überhaupt rauh und schwer zu lenken
... Im Angesicht der wildbrüllenden Meereswogen, am Ende der
Erde, da keine Möglichkeit mehr bestand, noch weiter hinaus zu
fliehen, da stöhnte ich oft in meinen Gebeten mit dem
Psalmisten: Von den Enden der Erde habe ich zu dir
geschrien, da meine Seele in Ängsten war."
PETRUS ABAELARD (1079-1142)
Heute morgen war
ich frühzeitig auf dem Wege zur Kapelle der heiligen Anna in
Auray. Dieser Weg ist schlecht und die Kapelle unbedeutend. Aber
was ich nie vergessen werde, das ist der Ausdruck tiefer
Frömmigkeit, den ich auf allen Gesichtern gefunden habe. Hier
sieht man nicht jene fanatischen und flammenden Augen wie in
Neapel vor den Bildern des heiligen Januarius, wenn ein
Vesuvausbruchdroht. Heute früh bemerkte ich bei allen meinen
Nachbarn jene glanzlosen, entschlossenen Augen, die eine
willensstarke Seele ankündigen. Die Tracht der Bauern ergänzt
den äußeren Eindruck dieser Empfindung: Sie tragen blaue Hosen
und Jacken von immenser Weite, und ihre blassblonden Haare sind
als Kranz über dem Ohr geschoren.
STENDHAL (1783-1842)
Der
bezeichnendste Zug der bretonischen Rasse in allen ihren
Schichten ist der Idealismus, die Verfolgung eines bestimmten
moralischen oder geistigen Ziels, das oft falsch, immer aber
selbstlos ist. Kein Volk ist so wenig für Handel und Industrie
geeignet wie das bretonische. Gewinne scheinen eines Ehrenmanns
nicht würdig zu sein. Vornehme Berufe sind jene, die nichts
einbringen: Soldat, Seemann, Priester, Richter, Denker. Den
meisten Überlegungen liegt die sicherlich falsche Überzeugung
zugrunde, dass man nur durch Ausbeutung anderer zu Vermögen
kommt. Daher ist der Reiche nicht sehr angesehen. Man schätzt
jene mehr, die das öffentliche Wohl betreiben oder den Geist des
Landes vertreten ... Lacht nicht über uns Kelten. Wir bauen kein
Parthenon, dazu fehlt uns der Marmor. Aber wir wissen zu Herz und
Gemüt zu reden.
ERNEST RENAN (1823-1892)
Jetzt will ich
Dir von unserer Bretagne-Reise erzählen, die ganz über Erwarten
schön ausgefallen ist ... Dieses Frankreich ist ein
gottgesegnetes Land. Man fährt nach St. Malo durch fruchtbare
Obstgegenden, Apfelhecken, durch mannshohe dunkelgelbe
Ginsterhecken eingefasst, eine Art, wie wir sie bei uns gar nicht
kennen. Dazu stehen wunderschön die großen, lichtgelben
Primeln, die allenthalben sprießen....Wenn Du aber aus Versehen
aus der Stadt heraustrittst auf die schmalen Wallmauern, so liegt
das große Meer zu Deinen Füßen mit seinen Felsenklippen und
Felseninseln, auf denen überall sehr schönlinige alte Forts
sind, das gibt grandiose Silhouetten. Wir lebten auch den ganzen
Tag auf den Wällen oder auf kleinen Felseninseln und kletterten
dort auf den Klippen herum und lachten in den Gischt der Wellen
hinein.
PAULA MODERSOHN-BECKER (1876-1907)
Bretonischer
Strand
versammelt ist, was wir sahen,
zum Abschied von Dir und von mir:
das Meer, das uns Nächte an Land warf,
der Sand, der sie mit uns durchflogen,
das rostrote Heidekraut droben,
darin die Welt uns geschah.
PAUL CELAN (1920-1970)
Gott muss uns liebhaben. Er kennt uns ganz gut. Ganz offensichtlich kam er aus einem unserer Bistros, als er unser Territorium malte. Seine Hand zitterte. Kein Volk hat so zerissene Küstenkonturen. Der Ozean ist bei ihm (Gott) genauso zu Hause wie bei uns. Unser Meer ist blau, grün, silbern, es nährt und schmückt uns. In seiner Großherzigkeit gab Gott, der wirklich Wasser brauchte, als er uns konzipierte, uns auch noch den Regen. Zugleich mit der Sonne übrigens. Man sieht, dass er leicht angetrunken war, denn komischewrweise treten sie beide, der Regen und die Sonne, gerne zusammen auf - was uns nicht weiter stört: Es gibt kein schlechtes Wetter in der Bretagne, nur schlechte Stiefel.
GILLES MARTIN-CHAUFFIER (1954...)
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